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Fluxus in Camouflage

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Susanne Neuburger Zum „Pierrot lunaire“ von Marlene Monteiro Freitas bei den Wiener Festwochen. Fluxus wird heute bisweilen als weitgefasste künstlerische Aktionskunst begriffen, die den historischen Rahmen dieser Bewegung immer mehr in den Hintergrund rückt. Insofern überrascht es, dass Marlene Monteiro Freitas quasi „klassischen“ Fluxus als eine Art von Rahmen- zur Haupthandlung in ihren „Pierrot lunaire“ einbaut, den sie im Juni 2021 für die Wiener Festwochen neu choreographierte. Allerdings sucht man in den Programmen vergebens auf einen entsprechenden Hinweis ihrer Vorgangsweise.(1) Freitas, „eine Choreografin von überwältigenden Bildern und faszinierenden Details“, vereinnahme, so der Pressetext, „das ikonische Werk der musikalischen Moderne für ihre einzigartigen visuellen Abenteuer“. Wesentliche Elemente sind dabei „Kostüm- und Bühnenbild, Musik und Choreografie“ (Programmheft), wenn Schönbergs um 1912 entstandenes Melodram – eine Vertonung von 21 Gedichten von Albert Giraud –

Weltschmelz

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Ein Gespräch von Hildegund Amanshauser mit Anna Meyer über ihre Arbeit im Rahmen des Projekts Serpentine, A Touch of Heaven (and Hell) , Großglockner Hochalpenstraße 2020 bis 2022. Serpentine. A Touch of Heaven(and Hell) (1), kuratiert von Michael Zinganel, präsentiert temporäre Interventionen entlang der Großglockner Hochalpenstraße von Iris Andraschek & Hubert Lobnig, Thomas Hörl & Peter Kozek, Ralo Mayer, Anna Meyer und Hannes Zebedin. Alle Projekte entstanden speziell für diese Ausstellung und befassen sich mit der Landschaft, der Straße und damit verbundenen Themen wie Klimawandel, Tourismus, Automobilität etc. Anna Meyer führt diese Auseinandersetzung in Ölbildern auf Aluminium, die sie als drei große Billboards und zwölf kleinere Gemälde in die vorhandene Werbe- und Vermittlungsstruktur durch Schau- und Reklametafeln entlang der Straße integriert. Eine Praxis, die sie schon länger verfolgt, so z.B. in einem Projekt im Porschehof Salzburg 1999/2000 oder in der Stadt Basel

Fotografische Verdikte und Ambitionen

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Susanne Neuburger Zu Tatjana Dannebergs „Wait a Minute“ im Salzburger Kunstverein (8.5. bis 11.7.2021) Macht es Sinn, das Misstrauen an der digitalen Bilderflut mit Walter Benjamins „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ zu untermauern wie dies der Saaltext der Ausstellung „Wait a Minute“ von Tatjana Danneberg tut? Ist es nicht eher dessen „penetrante Beliebtheit“ (Theordor W. Adorno), die den Text so verführerisch macht, als dessen eben im Saaltext angesprochene Fotokritik, die man umfangreicher und gezielter in Benjamins „Kleiner Geschichte der Photographie“ findet?(1) Benjamin gestand der „schöpferischen Photographie“ (Walter Benjamin) bekanntlich keine Berechtigung zu und sah ihre Aufgabe vor allem in ihrer Ideologiekritik. Susan Sontag und Roland Barthes sind ihm in diesem absprechendem Bild-Realität-Verhältnis gefolgt.(2) Der Weg von „Benjamins radikalen Vorstellungen“ (Saaltext) zu einer digitalen Fotografie, die mit der kapitalistischen Produktion versch

Künstlerinnen der „Textilen Moderne“

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Susanne Neuburger Zur Ausstellung „Die Frauen der Wiener Werkstätte“ im Wiener MAK Die Ausstellung zeigt die Beiträge der Frauen der Wiener Werkstätte (WW) ohne deren männliche Protagonisten wie Josef Hoffmann, Kolo Moser und all die anderen, die man sich nun allenfalls in der permanenten Sammlung anschauen kann. Vorangegangen war eine umfassende Recherche, die auch in den begleitenden Katalog eingegangen ist: Es werden an die 180 Namen ans Tageslicht befördert, und, soweit möglich, mit Werken verbunden, um so größere oder kleinere Werkkomplexe in den verschiedensten Sparten ausfindig zu machen, die den Anteil der Frauen an der WW ausmachen. Es ist ein großes Verdienst des Projekts, das Anne-Katrin Rossberg und Elisabeth Schmuttermeier leiten, grundlegende Forschungsarbeit und Bestandsaufnahme geleistet zu haben. Im Rundgang erschließen sich die Aufgabenbereiche und viele Namen. Ähnlich wie es ihre späteren Kolleginnen im Fluxus oder von Art & Language erfahren sollten, brachte das

Ich beharre ja auf Schönheit. Auch als politisches Konzept.

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Ines Doujak im Gespräch mit Hildegund Amanshauser, 28.4.2021 HA: Deine Arbeit basiert häufig auf umfangreichen Recherchen, geschichtlichen Nachforschungen und dem Versuch neue bisher nicht gemachte Verknüpfungen herzustellen. Sie eröffnen eine frische Perspektive auf historische und gesellschaftliche  Zusammenhänge. Zentrale Themen sind Patriachat/Feminismus, Kolonialismus/Rassismus, Natur und Ökologie, Klasse und Ungleichheit. Gesellschaftliche/ökonomische Strukturen hinter bestimmten Phänomenen werden aufgedeckt und kritisiert. Oft sind deine Arbeiten verstörend, sie weisen eine ganz eigene Ästhetik auf. Karnevaleskes und Maskerade sind dabei wichtige Kennzeichen. Transformation und Metamorphosen oder das Verschwimmen von (Geschlechter)Grenzen sind Teil des methodischen Repertoires.  Begonnen hast du unter anderem mit Fotografien, Fotografien von Menschen, die du zu bestimmten Posen angeregt hast. Deine Dargestellten entsprechen selten gängigen Schönheitsidealen. Du sagst selbst, das

Das scheidende Museum? Gedanken zu Krzysztof Pomians Katastrophenszenario

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Susanne Neuburger Der von Krzysztof Pomian prominent in der FAZ lancierte Artikel „Wie schlecht steht es wirklich um die Zukunft der Museen?“ hat uns erstmals mit dem möglichen Verschwinden des Museums konfrontiert. Pomian scheint Anleihen bei Paul Virilio genommen zu haben, wenn er dessen „rasenden Stillstand“ als Endstadium einer Periode steter Beschleunigung auf das Museum überträgt: Wenn die kommenden Klimakatastrophen jeglicher Erinnerungskultur eine positive Bedeutung verweigern und der Vergangenheit nichts mehr Zukunftsträchtiges abgewonnen werden kann, so Pomian, wird die Institution obsolet. Pomian konfrontiert uns damit mit einer uchronischen Konzeption, die uns wohl so etwas wie ein Archiv ohne Erinnerung hinterlässt, eines, das also abwesend und anwesend zugleich ist. Es wäre dann ein großes Depot, dessen Betreuung allerdings auch ohne laufenden Museumsbetrieb recht aufwändig wäre. Auswege sieht Pomian für dieses Szenario keine, wohl aber nennt er die Folgen der derzeitige