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Elad Lapidot über die Documenta und die Antisemitismus Debatte

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07.09.2022 Elad Lapidot ist ein Philosoph, der in Berlin lebt. Er kommt aus Israel und hat eine Professur für Jewish Studies an der Universität in Lille (F). Kürzlich ist sein viel beachtetes Buch Anti-Anti-Semitismus im Verlag Matthes & Seitz Berlin erschienen. Hildegund Amanshauser: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum eine Kunstausstellung zeitgenössischer Kunst so eine heftige Diskussion um Antisemitismus hervorruft wie die Documenta? Elad Lapidot: Eine klare Antwort habe ich nicht, aber ich habe Vermutungen. Es gibt eine bestimmte Funktion, die das Thema Antisemitismus oder Anti-Antisemitismus in den letzten Jahren einnimmt, und das wiederholt sich. Ich denke nicht, dass es mit der Documenta oder mit Kunst zu tun hat. Es ist eine Debatte, die immer wieder aufgenommen wird, um tatsächlich bestimmte Themen nicht zu diskutieren und das ist der Komplex des Postkolonialismus: Postkolonialismus in dem Sinn, dass es um eine grundsätzlicher Kritik von Europa aus nicht-europäischer, n

Documenta 15 für Alle

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Raimar Stange und Hildegund Amanshauser unterhalten sich über die documenta HA: Du schlägst vor gegen Ende der Documenta noch mal darüber zu sprechen. Ist noch nicht alles gesagt? RST: Nein, es ist nicht alles gesagt. Im Gegenteil: Es wurde bisher, zumindest in den deutschen Medien, fast nur über den vermeintlichen Antisemitismus-Skandal geredet, nicht aber über die nun nicht mehr eurozentristische, wenn man/frau so will, Ästhetik auf der documenta. Darüber würde ich in der Tat gerne mit dir sprechen. HA: Mir erscheint, dass gerade weil die documenta mit ihrem doch sehr radikalen Ansatz so viele Prinzipien unseres westlichen Kunstbetriebs in Frage – ja geradezu auf den Kopf – stellt, sich einige der alten westlichen Gatekeeper im Feuilleton dann lieber auf die Antisemitismus-Diskussion gestürzt haben, wie sie in hunderten Artikeln deutschlandweit zum Ausdruck kam. Es schien einfacher, die Frage des Antisemitismus zu diskutieren als die wesentlich komplexeren Themen, die die documenta a

Being faced with „the black page”

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    Das Editionsprojekt BLACK PAGES 01-100 Susanne Neuburger Dass man die Cellophanfolie vor dem Ankauf nicht öffnen darf, ist eine der konzeptuellen Vorgaben des Fanzines BLACK PAGES, das Christoph Meier, Ute Müller und Nick Oberthaler von 2009 bis 2022 in 100 Ausgaben mit einer jeweiligen Auflage von 300 herausgegeben haben. Man erwirbt also zum Preis von zwei Euro ein verpacktes Editionsprodukt, das sein Außen gegen sein Innen in Stellung bringt: Vier Seiten Umschlag auf dunklem Karton und 16 Seiten Kern in Schwarzweiß, der an 100 österreichische und internationale Künstler*innen im genannten Zeitraum vergeben wurde, die am einheitlich gestalteten Cover mit ihren Vornamen aufscheinen und ihre Beiträge frei gestalten konnten. „Being faced with ‚the black page’“(1): Programmatisch ist der Titel von Frank Zappa übernommen, der ausgehend vom Albtraum seiner Musikerkollegen angesichts einer unvorbereiteten Konfrontation mit einer „schwarzen“ Seite voller Noten seine „Black Pages“ schuf,

Ich versuche mit meinen Ausstellungen eine Art von Storytelling

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 Nina Tabassomi im Gespräch mit Hildegund Amanhauser 27.4.2022 Innsbruck Hildegund Amanshauser: Die Idee dieser Interviewserie ist, unterschiedliche Kurator*innen und Verantwortliche von Kunstinstitutionen zu befragen vor dem Hintergrund meines Interesses an globaler Kunstgeschichte und an Ausstellungen und Ausstellungsprogrammen, die von einem globalen Blick geprägt sind. Du machst das TAXISPALAIS Kunsthalle Tirol seit 2017, deine Schwerpunkt sind, wenn ich das richtig sehe, thematische Gruppenausstellungen, erste Einzelausstellungen von Künstler*innen in Österreich und diskursive Veranstaltungen. Du hast einen globalen Blick und integrierst Kunstschaffende aus der ganzen Welt. Das TAXISPALAIS hat eine interessante Geschichte. Mein Eindruck ist, du knüpfst bei Silvia Eiblmayr mit ihrem feministisch geprägten Programm an und öffnest dieses global. Wie würdest du die Leitgedanken beschreiben, die dein kuratorisches Programm bestimmen? Nina Tabassomi: Meine Hauptfrage ist, was können wir

Der Deutsche und der Spanische Pavillon, Biennale Venedig 2022

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Biennale Venedig, Giardini 2022 Maria Eichhorn, „Relocating a Structure“, Deutscher Pavillon, Kurator Yilmaz Dziewior Ignazi Aballí, „Correction“, Spanischer Pavillon, Kuratorin Beja Espejo Hildegund Amanshauser Besucht man einen Ausstellungsraum zum wiederholten Mal, können sich die Erinnerungen an vergangene Ausstellungen mit der aktuellen Wahrnehmung überlagern. In Räumen, die man gut kennt, können daher Geschichte und Gegenwart verschmelzen. Vor allem dann, wenn diese für eine weitere Ausstellung (fast) leer bleiben, werden die Bilder der Vergangenheit besonders greifbar. So auch in den beiden nationalen Pavillons von Deutschland und Spanien 2022 auf der Biennale in Venedig. Beide Ausstellungen befassen sich mit der jeweiligen Architektur und der dort repräsentierten Geschichte und der im Laufe der mehr als 100 Jahre intendierten Selbstdarstellung der jeweiligen Nation. Deutscher Pavillon Beginnen wir mit dem älteren Pavillon, dem deutschen, der 1909 auf Initiative der Münchner Sec